Ich werde gegen 7.00 Uhr wach, präpariere die Kaffeemaschine und setze mich auf meine Emaille um meine Morgenandacht zu halten. Völlig begeistert stelle ich fest, dass ich der karibischen Trauminsel in diesem Jahr ein Schnippchen schlagen werde, denn dieses Jahr fliege ich bereits mit mitteleuropäischem Durchfall hin und fühle mich in dieser Hinsicht gut gewappnet. Leider legt sich meine Begeisterung wieder als mir auffällt, dass ich wieder mal die Reihenfolge verwechselt habe und nach der Andacht noch Zähne putzen muss.

Nach einer Tasse Kaffee und einer weiteren Andacht kontrolliere ich zum zehnten mal ob alle Stecker gezogen sind, die Heizung auf Null steht und rufe ein Taxi. Ich hole Uta und Endchen ab und auf der Fahrt zum Bahnhof kann ich dem Taxifahrer nicht verheimlichen, dass wir jetzt gleich in die Karibik fliegen werden und er gleich alte Omas zur Dialyse ins Krankenhaus fahren darf.
Als wir am Bahnhof ankommen bin ich völlig verblüfft. Wir sind fast die letzten und sogar Ulla ist schon da. Da unser Zug offiziell 8.41. Uhr fährt habe ich mit ihrer Ankunft frühestens 8.40. Uhr gerechnet. Die zweite Überraschung ist, dass Möö den größten Koffer hat. Das Modell ähnelt mehr einer Schrankwand oder Einbauküche aber es sind angeblich nur seine eigenen Sachen darin. Als letzter wird Nono von seiner Schwester angekarrt. Es werden die ersten Urlaubsfotos geschossen, wir decken uns mit Bier und Zeitschriften ein und beginnen schon mal mit Vorratsrauchen, da es ja wieder einer langer raucherfeindlicher Tag wird.

Während wir so rauchen analysiere ich in Gedanken mal so unsere Reisegruppe. Entchen und Uta sind die Karibikprofis unter uns. Sie starten bereits zum siebten bzw. fünften mal und ich weiß ungefähr was mich mit den beiden erwarten wird, da ich bereits  einschlägige Erfahrungen sammeln durfte. Bei Ulla komme ich leicht ins Grübeln da wir den Vorjahresurlaub in der Karibik zwar gemeinsam begonnen, aber irgendwie getrennt beendet haben. Ich denke aber, dass sie versuchen wird sich mit braungebrannten Tauchlehrern abzulenken. Bei Anke mache ich mir eher gesundheitliche Sorgen weil sie seit Wochen völlig euphorisiert ist, eine Art Palmentrauma hat und ich hoffe sie kollabiert nicht schon während der Zugfahrt nach Frankfurt. Bei Nono, meinem Zimmergenossen für die nächsten 14 Tage, mache ich mir gar keine Gedanken. Er wird sich konsequent um landestypische All in Getränke kümmern  und genauso erfolglos in der Gegend herumspannen  wie ich - man kennt sich halt. Bei Möö und Moni, dem Weißkopfadlerpärchen unserer Truppe, habe ich gar keine Vorstellung wie es laufen wird. Ich werde mich einfach überraschen lassen. Meine eigenen Erwartungen habe ich im Vergleich zu den letzten Jahren erheblich zurückgeschraubt und gehe es eher relaxt an. Ich werde wie immer viel Durchfall und keinen Sex mit Schokohasen haben.

Unser Zug hat 10 Minuten Verspätung, was ich  der Deutschen Bahn nicht weiter übel nehme, weil ich so die Gelegenheit habe auf dem Bahnsteig noch zwei Zigaretten zu mir zu nehmen.
Da sich die DB momentan genötigt fühlt sämtliche ICE Züge aus technischen Gründen ausfallen zu lassen, zwängen wir uns durch einen recht überfüllten IC, was mit Reisetaschen und erst recht kühlschrankgroßen Koffern unglaublich nervt. Frauen können ja unglaublich stur und beharrlich sein. So natürlich auch bei der Sitzplatzsuche. Männer sind hingegen eher praktisch und genügsam. Als wir langsam das Gefühl haben, dass wir auf die Art und Weise bis Frankfurt laufen werden, bleiben wir einfach im Gang  stehen und lassen die Frauen weiterziehen. Nachdem unser weibliches Personal am künstlichen Zughorizont verschwunden ist öffnen wir uns jeder ein Bier und beglückwünschen uns zu unserem ersten gemeinsamen Urlaubsgetränk ohne die Frauen. Unser zufällig gewählter Stellplatz erweist sich als wahrer Glücksfall. Wir stehen direkt vor dem provisorischen Bordbistro und haben nur einen geschätzten Weg von zwei Metern bis zum Klo. Mag ja sein, dass Männer gefühlsarm sind, aber unsere natürlichen Instinkte sind völlig intakt.
Nach ca. 45 Minuten taucht Uta plötzlich bei uns auf. Sie hat einen leicht gehetzten Blick und sagt, dass sie jetzt Brand hat und  unbedingt ein Bier trinken muss. Ich freue mich über ihr Erscheinen weil ich weiß, dass sie garantiert ihre Genussgutscheine der DB dabei hat, die sie sich durch jahrelanges, hartnäckiges Fahren mit dem Zug erkämpft hat und wir jetzt gewissermaßen ihre Bonusmeilen versaufen können.

Erstaunlich pünktlich kommen wir am Frankfurter Hbf. an. Wir kämpfen uns mit unseren Taschen und Schrankwänden durch die Menschenmassen und erwischen gerade noch einen frisch geputzten ICE mit dem wir weiter zum Flughafen fahren. Nach 10 Minuten Fahrt sind wir endlich am Flughafen und sammeln uns. Wir beschließen als erstes unser Gepäck los zu werden und machen uns auf den Weg durch den halben Flughafen. Wir finden unser Ziel erfreulicher Weise recht schnell und es ist auch relativ übersichtlich bei der Condor Gepäck Eincheckabteilung….
...bis wir auftauchen. Zunächst teilen wir uns erstmal auf, die einen gehen rauchen, die anderen suchen ein Klo. Nachdem dann endlich alle ihre Kofferanhänger angebracht haben, reihen wir uns in die Schlange unserer frohgesinnten Mitflieger ein. Die einzige die leicht panische Züge an den Tag legt ist Uta, sie ist die Herrin der Tickets und sämtlicher Reiseunterlagen. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung werden wir aber von den netten Condorangestellten professionell lächelnd abgefertigt obwohl ich glaube, dass wir das nächste mal die Fluggesellschaft wechseln sollten. Nachdem vier kräftige Schwarzafrikaner auch endlich Mööö`s kühlschrankgroßen Koffer weggehievt haben, sind wir endlich bereit uns mit leichtem Gepäck auf die Suche nach einer gastronomischen Einrichtung zu machen.
Der Frankfurter Flughafen ist bekanntermaßen nicht unbedingt klein. Nachdem wir eine Weile ziellos umherirren und dabei einen gefühlten Halbmarathon zurücklegen, kommt langsam eine etwas gereizte Stimmung auf. Eigentlich sind wir  umzingelt von Kneipen, können uns aber nicht entscheiden welche wir heimsuchen sollen.
Nach einer kurzen Diskussion gehen wir erstmal zur Passkontrolle und wollen dann weitersehen. Die Passkontrolle verläuft reibungslos bis Moni offenbar im Fahndungscomputer des Zolls auftaucht. Sie wird höflich aber bestimmt zur Seite gewunken und wir beobachten feixend wie sie gefilzt wird. Da sie aber offensichtlich diesmal keine Drogen oder Teppichmesser dabei hat darf auch sie mit in den Urlaub fliegen.
Nach dieser ganzen Aufregung müssen wir dringend rauchen. Wir finden eine abgelegene Stelle im Flughafen die mit Glascontainern ausgestattet ist- die so genannte Raucherzone. Es sieht zwar aus wie im Zoo aber scheißegal, wir brauchen Nikotin.
Bevor die Situation wieder eskaliert entscheiden wir uns kurzerhand für ein SB-Restaurant, in dem außer uns kein Aas akzentfreies Hochdeutsch zu sprechen scheint. Ich verspüre zwar keinen großen Hunger, aber da mir noch das  Fliegeressen vom LTU-Catering lebhaft in Erinnerung ist, stehe ich doch auf und begebe mich zum SB Schalter. Ich bestelle mir mit Händen und Füßen ein halbes gegrilltes Hähnchen ohne Pommes und bekomme letztendlich ein halbes gegrilltes Hähnchen mit Pommes zum Schleuderpreis von 9,80 Euro serviert. Ich will mich nicht streiten, weil ich in Urlaubsstimmung bin und außerdem wäre es wohl auch relativ zwecklos, weil mein pakistanisch echt schlecht ist. Als ich an unseren Tisch komme steht schon eine Runde Bier da, die Nono freundlicherweise geholt hat. Mein Hähnchen macht eher den Eindruck, dass  es in der Sahara an Dehydrierung verendet ist, als jemals einen Grill von Innen gesehen zu haben und erweist sich  obendrein als äußerst geschmacksneutral.
Anke, die mir gegenüber sitzt, gönnt sich derweil eine Rindsbratwurst und schaut mich beim Essen völlig verzückt an. Ich tröste mich mit einem Blick auf die leckere Kellnerin die mir einen Vorgeschmack auf die Karibik gibt. Das Auge f*ckt schließlich mit. Nach dem Genuss meines Trockenhähnchens und einer weiteren Runde Bier besuchen wir noch mal den Raucherzoo und werden dabei eifrig von militanten Nichtrauchern fotografiert.

Das Einsteigen in unsere Boing 767 geht relativ zügig. Mit neidischen Blicken begaffe ich im vorbeigehen die Menschen, die in der Bussinessclass mit ausgestreckten Beinen, in riesigen Ledersitzen 'rumlümmeln und wahrscheinlich gleich in Champagner baden werden,  während ich die nächsten 12 Stunden beengt in der Holzklasse über der Tragfläche sitze, in der Hoffnung das Anke mich beim starten oder landen nicht vollkotzt.
Ich habe Anke schon im Vorfeld  großzügiger Weise den Fensterplatz überlassen, nicht etwa weil ich besonders edelmütig bin, sondern aus rein praktischen Gründen. Zum einen habe ich die Möglichkeit ab und an die Beine im Gang auszustrecken und zum anderen sitzen wir ja über der Tragfläche, was den Blick aus dem Fenster nicht unbedingt spannender macht, wenn man sowieso 10 Stunden über Wasser und Wolken fliegt.
Während wir zum Start rollen wird der übliche Film über die Sicherheitseinrichtungen an Bord gezeigt. Ich hielt es bei meinem ersten Flug schon für relativ sinnlos mir einzuprägen wie man eine Schwimmweste ordnungsgemäß anlegt, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie ich mit Schwimmweste und Gummientchen ausgerüstet, lustig im Atlantik schwimme nachdem ich gerade aus 10 000 Metern, mit 250 km/h auf der Wasseroberfläche aufgeschlagen bin.
Nachdem wir unsere Flughöhe erreicht haben werden wir wie üblich vom Kapitän begrüßt. Er heißt Harry Sachse und ich stelle mir augenblicklich vor, wie sein Co-Pilot vor dem Abflug zu ihm gesagt: „ Harry, hol schon mal den Flieger.“
Der Flug verläuft wie erwartet langweilig. Das Essen bei Condor ist noch übler als das Essen bei LTU und um den ganzen die Krone aufzusetzen gibt es nur Pils von Warsteiner, der Königin der Kopfschmerzen. Ein plötzlicher Aufschrei von Ulla reißt uns alle aus der Lethargie. Sie hat in der Bildzeitung einen Bericht über einen Stefan O. entdeckt, der einen abgehackten Schweinekopf an einem jüdischem Friedhofszaun in Gotha gefunden hat. Nachdem sich die ganze Aufregung  wieder gelegt hat, langweilen wir uns weiter. Der obligatorische Spielfilm ist Scheiße und zu allem Überfluss entdecke ich in meiner Armlehne einen eingebauten, funktionstüchtigen Aschenbecher. Ich fühle mich kurzzeitig auf das äußerste von der Firma Boing provoziert und überlege sie wegen seelischer Folter zu verklagen.
Nach etwa 9 Stunden kommt langsam Bewegung in den Flieger, da wir gleich in Samana zwischenlanden werden. Schätzungsweise ein viertel der Passagiere steigt hier aus und genauso viele steigen auch wieder ein. Das ganze zieht sich eine gute Stunde hin bis wir endlich zur letzten Etappe starten.

In Puerto Plata gelandet, überkommt mich das Gefühl, dass ich  den Flughafen hier besser kenne als den Gothaer Hbf. – ich bin wieder zu Hause.

Die Dominikaner sind ein recht einfallsreiches Völkchen. Diesmal muss man nicht nur ein blaues Formular ausfüllen, sondern auch gleich noch weißes, dass mit Sicherheit genauso achtlos in den Müll fliegt, nachdem man seinen Inseleintritt von 10 US Dollar bezahlt hat.
Am hochmodernen Gepäckband dauert es wieder seine Zeit bis alle ihre Utensilien beisammen haben. Um eine Taschenkontrolle zu vermeiden, habe ich mir zwei Ein-Dollarscheine griffbereit in die Hosentasche gesteckt um damit formvollendet die Kofferkontrolleure zu schmieren. Als ich dem Typ unauffällig die Scheine zustecken will, weicht der zurück und winkt mich grimmig durch. Ich bin völlig perplex, sollte dieses Land etwa über Nacht Korruptionsfrei geworden sein?
Bevor wir zu unserem Hotelshuttlebus gehen, rauchen wir erst mal unsere erste Zigarette in der schwülwarmen Nacht und saugen nebenbei gleich die ersten Eindrücke in uns auf.
Im Bus begrüßt uns eine Torte von der Reiseleitung und wir erfahren, dass unser Hotel als drittes angefahren wird, was aber relativ egal ist, weil alle Hotels sowieso an der Playa Dorada liegen. Während der kurzen Fahrt zum Hotel überkommt mich schon wieder das Gefühl, dass ich hier jede Hütte rechts und links der Strasse kenne und erwarte jeden Moment ein Spruchband mit der Aufschrift zu entdecken:„ Welcome Fips - German Schein Sexgott“. Nach 20 Minuten Fahrt, natürlich ohne einem einzigen Spruchband, sind wir an unserem Hotel. Ich werde endlich meine zwei Dollar beim Busfahrer los und bereite mich schon mal mental auf ein völliges Chaos beim Einchecken vor. Die Hotellobby macht einen sehr geilen Eindruck und das Personal am Empfang erweist sich als äußerst fähig.
Ohne Verwechslungen von Namen oder Zimmerbelegungen geht es sehr zügig voran, was sehr angenehm ist, weil ich schon den Geschmack von Cuba libre auf der Zunge fühle. Ein Typ in weißer Tropenuniform zeigt uns grob die Richtung in der sich unsere Zimmer befinden und wir traben los. Auf dem Weg entdecken wir linker Hand sofort unseren Wellnessbereich für die nächsten 14 Tage- die Poolbar. Nono grinst mich viel sagend an und ich weiß wie der Rest dieses langen Tages verlaufen wird.
Unsere Zimmer befinden sich im Erdgeschoss in einer Art Innenhof, in dessen Mitte Palmen und allerlei tropische Gemüsesorten wachsen. Wir wohnen alle Tür an Tür, was sich eventuell beim gegenseitigen ins Bett bringen als Vorteil erweisen kann. Nach einer ersten, sehr kurzen  Inspektion des Zimmers und einem ersten Begrüßungsschiss, begeben wir uns ohne Umwege zur Poolbar um dem Barkeeper unsere  Aufwartung zu machen.
Nicht ganz unerwartet sind Nono und ich die ersten an der Bar. Wir grinsen dem Barmann ein freundliches  „ Hola“ zu und ich bestelle Sprachgewand, in perfektem Spanisch: „Dos Cuba libre“. Überraschender Weise scheint er mich auch zu verstehen und in Sekundenbruchteilen halten wir unseren Eröffnungscocktail in der Hand.
Nach und nach trudeln auch die anderen an der Bar ein. Nono und ich sind derzeit schon mit einem älteren deutschen Ehepaar ins Gespräch gekommen. Sie sieht irgendwie aus wie eine Trockenpflaume, ist aber unheimlich gut drauf und scheint auch schon gepflegt einen im Arsch zu haben. Wir werden von ihr in die Gepflogenheiten der Bar eingeweiht und sie empfiehlt uns, kurz vor 0.00 Uhr noch einmal ordentlich aufzumunitionieren, da die Bar dann schließt.
Aus dem Reisekatalog wissen wir, dass es irgendwo noch eine kleine Absackerbar geben muss an der bis 2.00 Uhr schöngeistige Getränke feilgeboten werden. Diese Bar ähnelt zwar mehr einem Hotdog Stand aber es gibt schales Bier vom Fass und das ist die Hauptsache.

Inzwischen sind wir alle mehr als 20 Stunden auf den Beinen und langsam macht sich Müdigkeit breit. Wir ziehen uns alle in die Gemächer zurück und erwarten unseren ersten richtigen Urlaubstag.

 

Weiter lesen

© by FIPS